Am 12. Tag des Caminos …

… bin ich mit der 27jährigen Zara aus Kanada bei einer Kaffeepause ins Gespräch gekommen. Anschließend sind wir miteinander weitergewandert.
Auf die Frage „Warum machst Du den Camino?“ kommt ganz spontan, um einmal  den „Fängen“ ihrer Familie zu entfliehen. Aber auch um sich nach vielen Jahren im Job, den sie kurz vorher gekündigt hatte, eine Auszeit zu gönnen.
Auf die Frage „Was erhoffst Du Dir vom Camino?“ antwortet sie mit ein bißchen Ungewissheit. Sie möchte sich klar darüber werden, wie sie sich beruflich neu orientieren soll, und hier einfach mit sich selber sein. Eigentlich authentisch sein.

Am 11. Tag des Caminos …

… habe ich Francesco und Fabrizio beide 29 Jahre aus Italien kennengelernt. Beste Freunde seit der 1. Klasse.
Auf die Frage „Warum macht Ihr den Camino?“ meinten beide, es wäre die beste Möglichkeit jetzt vor dem 30. Geburtstag, der irgendwie auch eine Zäsur ist, zusammen ungestört Zeit zu verbringen und dabei wichtige Sachen zu besprechen.
Gefragt „Was erhofft Ihr Euch vom Camino?“ so wäre ein Ziel neben der schönen Zeit zusammen auch mit den anderen Pilgern, auch mehr Klarheit für berufliche Weichen.
Berührend war für mich die gegenseitige Wertschätzung ihrer langjährigen Freundschaft, die auf Ehrlichkeit und Toleranz basiert. Eine Freundschaft unter Kindern, die ohne Vorurteile und ohne Vorteilsgedanken entstand – einfach pur und authentisch.

Am 10. Tag des Caminos …

… bin ich mit Elza aus den Niederlanden ein Stück gegangen.
„Warum machst Du den Camino?“ meint sie, dass sie zu viel denkt und daraus entstehen Probleme, wo eigentlich gar keine sind.
Auf die Frage „Was erhoffst Du Dir vom Camino?“ antwortet sie mir, dass sie dieses „Overthinken“ auf dem „Weg“ lassen möchte und mehr den Moment leben und geniessen möchte. Witzig ist dann, dass wir uns das selbe Buch zu diesem Thema besorgt haben, aber hier keine Zeit zum Lesen haben, denn die „Gegenwart“ auf dem Camino nimmt einen komplett in Beschlag. Vielleicht ist gerade das so heilsam und authentisch.

Am fünften Tag des Caminos …

… habe ich gleich am Anfang meines Weges die 30-jährige Enikő aus Ungarn getroffen, später schloss sich uns River ca. Ende 50 aus den USA an.
Auf die Frage „Warum macht Ihr den Camino?“ meinte Enikő, beim ersten Mal im letzten Jahr hatte sie eine ganz schlechte Phase und wollte einfach weg, sie will es dieses Mal besser geniessen. Ebenso wie Enikő hat River, weil sie einfach nicht mehr konnte und wollte, spontan ihren Job gekündigt. Beide sind an einer „Weggabelung“ ihres Lebens und wollen auf dem Camino die Ruhe finden über den richtigen Abzweig nachzudenken.
Gefragt „Was erhoffst Du Dir vom Camino?“ möchte Enikő auch Verluste in der Familie verarbeiten. River möchte zu sich selbst finden und endlich lernen, die von ihr gepredigte „Selfcare“ auch auf sich selbst anzuwenden. Sie wollen beide einfach mehr auf sich selbst achtgeben.

Am vierten Tag des Caminos …

… hat es sinnflutartig geregnet und ich musste erst mal vor wilden Hunden flüchten. Mit dem 45jährigen Marco aus Italien habe ich mich wieder zurück auf den Weg getraut.
Marco hat mir – einer Fremden – auf die Frage „Warum machst Du den Camino?“ ganz ehrlich als Grund die schon länger bestehenden Probleme in seiner langjährigen Ehe geschildert.
Gefragt „Was erhoffst Du Dir vom Camino?“ so sind es Antworten darauf, wie er trotz der äußeren Umstände einen notwendigen Neuanfang in seinem Leben schaffen kann.
Für Marco ist es trotz seines Alters das erste Mal, dass er nur mit sich selbst unterwegs und auf sich alleine gestellt ist, ohne sein soziales Umfeld. So gibt ihm der Camino schon „Authenzität“.

Am dritten Tag des Caminos …

… ist mir Bojan aus Kroatien im Sturm zur Hilfe geeilt. Mit seinen 36 hat er sich auf den Weg gemacht und vorher noch gegoogelt, ab welchem Alter man von „Midlife Crisis“ bei Männern spricht. „Bingo“!
Gefragt „Warum machst Du den Camino?“, meinte Bojan, dass nach den „Wow-Jahren“ bis 30, die letzten Jahre beruflich als Koch im Ausland mit wenig sozialem Leben ohne Ziele und Höhepunkte einfach an ihm vorbeigerauscht sind. Er hat in dieser Zeit aber auch privat viel Vertrauen verloren.
Auf die Frage „Was erhoffst Du Dir vom Camino?“ wünscht sich Bojan, dass er am Ende beruflich und privat klarer sieht, wie er sich verändern möchte. Ebenso hofft er, dass der Camino selbst endlich wieder ein Wow-Erlebnis wird und das Jahr 2026 für ihn schon deshalb in Erinnerung bleibt.
Mit dem Begriff „Authentisch“ konnte Bojan gar nichts anfangen. Aber ich denke er war es einfach, zumindest hier im Gespräch auf dem Camino.

Am zweiten Tag des Caminos …

… bin ich Amy aus den USA in Begleitung ihres Bruders und seiner Frau begegnet. Alle in den Mitte 50ern.
Auf die Frage, „Warum machst Du den Camino?“ kam von Amy ein selbstironisches „Midlife Crisis“. Relativiert keine Krise, sondern eine „Bestandsaufnahme des Lebens“: Amy hatte sich in über 30 Jahren nur um die Familie mit 5 Kindern, dabei eine Tochter mit besonderen Sorgebedarf gekümmert. Sich dabei einfach selbst verloren. Amy war nur für andere da, musste im sozialen Umfeld funktionieren und hatte auch nicht den Mut, einfach mal etwas für sich selbst zu tun.
Gefragt nach „Was erhoffst Du Dir vom Camino?“ freut sich Amy einfach einmal ein paar Tage selbstbestimmt zu sein, sich mit anderen Menschen auf dem Weg auszutauschen. Um überhaupt einmal zum Nachdenken zu kommen, wer sie eigentlich ist, was sie für sich ändern möchte. Damit sie sich selbst wieder oder neu finden kann. Sich dabei aber auch weiter um andere kümmern kann.
„Authentisch“ bedeutet für sie, diesen Wunsch nach „Selbstsein“ auch auszuleben.

Den ersten Tag des Caminos …

… bin ich im Gespräch mit mir selbst gegangen … Warum gehe ich den Weg? Was hoffe ich, zu finden? Was bedeutet für mich authentisch?
Die Fragen, die ich auf diesem Weg gerne auch anderen Menschen stellen möchte! Denn jeder trägt eine andere Geschichte im Rucksack mit …

authentisch

spätlateinisch authenticus < griechisch authentikós

echt; den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig

Quelle: DUDEN, https://www.duden.de/rechtschreibung/authentisch